Die jungen Wilden

Uhr, Uhrmacher, Luxus, Hyt, H. Moser & Cie, Hautlence, Richard Mille

Es gibt sie noch, die Uhrmacher, die sich dem Zwang und den Marketingstrategien der großen Konzerne zu entziehen scheinen. Ihre kreierten Zeitmesser entsprechen allein ihren persönlichen Vorstellungen und Phantasien.

In der Uhrenbranche ist es ebenso wie in der restlichen Luxusindustrie: Schon lange bevor ein Produkt an den Counter gelangt, wird nicht nur überlegt, wie es beschaffen sein muss um geneigter Klientel zu gefallen, sondern es wird auch die maximale Gewinnbringung evaluiert. Auf der Strecke bleiben dabei oft kreative, innovative Ansätze, ebenso wie Nischenprodukte, denn schließlich bringt eine „Massenproduktion“ auch üblicherweise größere Umsätze und Gewinnspannen.

Die Alternative: Eine eigene Uhrenmarke gründen, handverlesene, kleine Kollektionen oder Einzelstücke produzieren, die hochwertig und so einzigartig sind, dass sie trotzdem das Interesse von Sammlern und Uhrenenthusiasten erregen. Damit Geld verdienen will man natürlich auch hier, aber eben nicht um jeden Preis.

Ein Beispiel hierfür ist die Schweizer Uhrenmarke Hyt. Hydro Mechanical Horologists zeichnet sich durch die Besonderheit aus, dass die Zeit durch eine in einem Röhrchen aufsteigende Flüssigkeit angezeigt wird. Beim Grand Prix d'Horlogerie de Genève 2012 gewann die Marke dafür den Preis für die beste innovative Uhr. Sieben Patente wurden während der Entwicklung dieses H1 Modells eingereicht, die in Zukunft auch für andere Anwendungen - beispielsweise in der Medizintechnik - interessant sein könnten. Neben dem ungewöhnlichen Ableseverfahren fallen die Modelle auch durch weitere Extravaganzen, wie Leuchtanzeigen im Dunkeln oder ein Maori Tattoo Totenkopfdesign auf dem Zifferblatt auf.

Es muss aber nicht immer so todernst zugehen. Das unabhängige Schweizer Familienunternehmen H. Moser & Cie. wurde bereits 1828 gegründet und stellt zurzeit hochwertige Kleinstserien sowie sonderbare Unikate, wie die „Swiss Mad Watch“ her. Diese ist zu 100 Prozent in der Schweiz gefertigt, mit einem Handaufzugs-Manufakturkaliber ausgestattet und sorgt nicht nur durch ihr Gehäuse aus Schweizer Käse, sondern auch mit dem durchaus stolzen Preis von CHF 1.081.291,- international für Aufsehen. Damit möchte das Unternehmen auf die schwierige wirtschaftliche Lage traditioneller Schweizer Uhrenhersteller aufmerksam machen, die durch das Outsourcing nach Asien schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Den gesamten Erlös - sollte das gute Stück verkauft werden - erhalten unabhängige Schweizer Zulieferer der Uhrenbranche.

Ebenfalls mit Augenzwinkern zu betrachten ist die junge Schweizer Uhrenmanufaktur Hautlence, die ebenfalls auf innovative, hochkomplizierte Manufakturkaliber Modelle setzt. Aber nicht nur das: Als Statement gegen die Verknechtung unserer Gesellschaft durch die Zeit versteht sich das Modell Playground Labyrinth. Es kommt gänzlich ohne Werk aus und lädt stattdessen seinen Träger ein, das im Gehäuse integrierte Geduldspiel zu spielen – quasi als Protest gegen diese Unterwerfung.

Dass solche Nischenmarken auch durchaus das Potential für einen breiteren Erfolg haben, beweist Richard Mille, der nicht nur einen hervorragenden Ruf als Uhrenhersteller geniesst, sondern auch eine breite Popularität. Er hat sich auf die Fertigung von Haute Horlogerie Modellen im obersten Preissegment spezialisiert. Bekannt ist die gleichnamige Manufaktur vor allem durch die Kooperationen mit Tennis-, Segel- und Schisportlern sowie Motorsport Veranstaltungen, insbesondere der Formel 1. Sein letzter Streich: Die RM 50-03 McLAREN F1. Der auf 75 Stück limitierte, leichteste Split-Seconds Tourbillon Chronograph der Welt, ist aus High-Tech-Materialien und kostet die Kleinigkeit von € 1.850.000,-.

Diese Beispiele geben Hoffnung, dass neben den kommerziellen Zeitmessern auch noch genügend Nachfrage herrscht für verrückte, tickende Kleinode, in denen Uhrmacher nicht nur ihr ganzes Können, sondern auch ihre Phantasie, Leidenschaft und ihren Humor einfließen lassen – und dies bezieht sich nicht nur auf den Preis...

 

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