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Trendhoroskop

 Irmie Schüch-Schamburek im Interview mit Vincent Grégoire, Direktor der Abteilung „Art de Vivre“ des Trendbüros Nelly Rodi.

Ein Blick in die Sterne erweitert unseren Horizont indem uns die Kleinheit aber auch die Einzigartigkeit unseres Planeten Erde vor Augen geführt wird, gesicherte Aussagen über die Zukunft lassen sich daraus leider nicht ableiten. So führt uns der Weg zu einem international bekannten Trendbüro „Nelly Rodi“, deren Profession es ist Trends frühzeitig zu erkennen und daraus Schlüsse zu notwendigen Schritten im Heute zu ziehen. „Nelly Rodi“ wurde 1985 gegründet und beschäftigt sich seit damals mit Freude und Leidenschaft der Vorhersage und Analyse von Trends, mit den Schwerpunkten „Consumer-behavior“ in Bezug zum Fashion-Business und dem Lifestyle-Sector. Nun wer wäre kompetenter Aussagen zu den Strömungen der Zukunft zu treffen, als der Direktor der Abteilung „Art de Vivre“ Vincent Gregorie himself, Hintergründe zu seiner Person, wo die Quellen seiner Leidenschaft liegen und was in bewegt.

Welche Funktion haben Sie im Rahmen der Trendagentur „Nelly Rodi“ inne?

Ich bin Direktor der Abteilung „Art de Vivre" – frei übersetzt „Die Kunst zu leben“, landläufig auch als „Lifestyle“ benannt.

Wie viele Jahre beschäftigen Sie sich schon mit der Analyse und Vorhersage von Trends?

Schon als Kind und in meiner Jugend hatte die Zukunft etwas Geheimnisvolles für mich. Als ich klein war, wollte ich Archäologe werden! Oder Polizist. Ich liebe Krimis, in denen die Polizisten nach Indizien suchen müssen, Vergangenes nach oben kehren, um Kriminelle zu überführen. Ich blicke also immer in die Vergangenheit. Vergangene Trends sind die Basis auf der sich die Zukunft aufbaut. Nichts geschieht einfach so. Alles ist immer ein Resultat dessen, was vorangegangen ist. Ich habe das Glück seit 25 Jahren bei Nelly zu arbeiten... wenn wir also von den 90igern oder den Nullerjahren sprechen, kann ich mich an vieles erinnern.

Wie recherchieren Sie? Woher ziehen Sie Ihre Inspiration?

Das, was ich suche, sind Dinge, die mich bewegen, die mich aufwühlen, die mich überraschen. Anfänglich weiß ich gar nicht wonach ich suche oder warum, aber es geht eigentlich darum, Augen, Ohren und Hände bei den Themen und Dingen zu haben, die mich überraschen. Ich versuche also, immer wieder erstaunliche Erlebnisse zu haben. Es gibt Situationen die zu mir sprechen, die zu mir gesprochen haben, die mich erstaunt haben. Ich lese auch viele soziologische und ethnologische Publikationen und Aufsätze über technische Innovationen. Bei der Suche nach Trends arbeite ich auch viel mit Konsumstudien oder Marketing über Konsumzahlen. Eine ergiebige Quelle sind auch Events, Gedenkfeiern, Sportveranstaltungen, Ausstellungen in Museen oder ähnliches, die in den kommenden Jahren veranstaltet werden. Dies sind oft Abbilder jener Themen, die die Menschen bewegen. Das ist also der Weg, der mich inspiriert.

Käufer werden nicht mehr nach Alter oder Kaufkraft differenziert, sondern nach Geschmack, Auftreten und Charakter?

Die Basis ist die Motivation, der Mind-Set. Der gleiche Käufer kann unterschiedliche Dinge unter der Woche oder am Wochenende tragen. Das kann auch richtig widersprüchlich sein. Er kann auch etwas Unterschiedliches untertags und am Abend brauchen. Je nach Bedarf, nach Stimmung und Anlass wird der Ausdruck der Persönlichkeit adaptiert.

Der heutigen Gesellschaft fehlt es oft an Werten, die sie dann wiederum durch Konsum auszugleichen versuchen.

Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels. Alles verändert sich, schneller und schneller. Die Gesellschaft, die Strukturen kommen da nicht mehr nach. Wir befinden uns in einer Periode vergleichbar mit der Renaissance mit all den technischen, wissenschaftlichen, kulturellen Innovationen. Und das Momentum der Entwicklung nimmt zu. Wir sind also dabei, uns neue Werte und Gesetzmäßigkeiten zu schaffen. Die sind aber neu, noch nicht etabliert, tauchen auf und verschwinden wieder. Das erzeugt Unsicherheit. Man versucht also, Sicherheit über den Konsum zu erlangen. Eine Konsumgesellschaft ist nicht unbedingt eine Gesellschaft, die aufeinander achtgibt. Das wird die große Herausforderung, die gegenseitige Achtung und Wertschätzung zu verstärken.

Glauben Sie also, dass das Ende der Konsumgesellschaft nahe ist?

Nein. Wir befinden uns vielleicht am Ende des kapitalistischen Modells, so wie wir es kennen, es gibt Tendenzen zu anderen Modellen, die Mutationen des kapitalistischen Modells sind. Also eine neue Form des Kapitalismus. Es kann zwar sein, dass es Trends zu weniger Konsum gibt, aber im Grunde leben wir in einer Gesellschaft des Begehrens, des Spektakels. Vielleicht wird es den Versuch geben, "Sinnhaftigkeit" zu konsumieren, weniger Materielles, mehr sinnliche Erlebnisse... man wird aber weiterhin konsumieren.

 

Wird der Bedarf an Gütern dadurch nicht sinken?

Wir befinden uns in einer Phase der Unsicherheit. Wir wissen nicht, was morgen passiert. Wir zweifeln… - das Gebot der Stunde heißt daher, ökonomischer zu denken und zu handeln - weniger Materielles, weniger äußere Form, weniger "schmückendes Beiwerk", weniger Unnützes, dafür aber mehr Liebe, mehr Rücksichtnahme. Trotzdem gibt es aber immer noch die Konsumenten, die genau das "Bling Bling" suchen, die Neureichen.

Denken Sie, dass die aktuellen Themen der globalen Migrationsströme einen Einfluss auf die derzeitigen Lifestyle-Themen haben?

Ich denke nicht, aber es gibt natürlich Auswirkungen wie die Verstärkung reaktionärer, nationalistischer und konservativer Tendenzen - ein gewisser Protektionismus. Wir spüren in Europa ein Bedürfnis danach, die eigenen kulturellen Wurzeln zu stärken und auch eine vermehrte Ablehnung von Weltaschanschauungen und Religionen, deren Wertstruktur nicht der unseren entspricht – in gewisser Weise der Aufbau eines Schutzmechanismus. Das verstärkt nicht gerade die Solidarität, sondern die Mehrheit der europäischen Bevölkerung sieht die Flüchtlinge als Bedrohung und nicht als Lösung. Als es Flüchtlinge aus dem spanischen Bürgerkrieg gab, oder aus Portugal, aus Italien oder Osteuropa, waren das mehrheitlich Christen. Jetzt sind es hauptsächlich Muslime. Wir haben nicht dieselben Prägungen und Werte, daraus entsteht aus Unwissenheit, Angst. Das ist eine andere Welt. Was für mich unglaublich ist, ist, dass bis zu Renaissance die muslimische Welt unglaublich modern war -- im Bereich der Künste, Mathematik, Physik, Mode, während wir hier in Europa in finsteren kalten Burgen gesessen sind. Auch die Frauen waren freier, während wir unsere unter Rüstungen versteckt haben. Heute hat sich das Bild umgekehrt. Sie sind unter Rüstungen versteckt und wir sind freier. Wir sind mit einer kompletten Umkehr der Werte konfrontiert. Es ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, wie weit voraus die östliche Kultur in der Astronomie, Astrologie, Mathematik, Physik, Literatur, Medizin und vielem mehr einmal war... es ist unglaublich.

Denken Sie, dass der Trend in Richtung Qualität, Nachhaltigkeit, längere Haltbarkeit und daraus resultierend und höheren Preise geht?

Ja, wir sind auf dem Weg dorthin. Seltsamerweise sind es nicht immer die Leute, die weniger Geld haben, die billigere Produkte kaufen. Es gibt im Allgemeinen ein steigendes Bewusstsein in puncto Ernährung, textiler Qualität und Natürlichkeit und auch in anderen Lebensbereichen. Ich denke dies ist ein Zeichen persönlicher Reife. Meistens beginnt es in den 30igern, in jenem Lebensabschnitt, in dem oft Kinder kommen, eine Familie gegründet wird und Gesundheit, Wohlbefinden und damit die das allgemeine Lebensumfeld einen deutlich höheren Stellenwert bekommen. Werte wie der Ursprung der Produkte, Natürlichkeit, Ethik und Moral, Nachhaltigkeit steigen im Bewusstsein und schlagen sich auch im Konsumalltag nieder.

Glauben Sie an die Macht der Masse?

Daran glaube ich nicht. Wenn man auf der Straße Leute sieht, die einen tollen Look haben, dann sind das meistens Leute, die im Designbereich, in den Medien, d.h. in doch elitären Bereichen arbeiten. Es ist immer eine kleine Elite, also vielleicht eine Elite des Volkes, aber trotzdem eine Elite, die Trends setzt.

Die letzte Frage: Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Arbeit der Zukunft dar? Wird es noch die Hierarchien geben, wie wir sie bisher gekannt haben oder wird sich hier auch etwas verändern?

Mein Eindruck ist, dass alles in die Richtung "Mikro-Entrepreneur" geht eine Person mit mehr Arbeit und Verantwortlichkeiten. Man kehrt an den Beginn des Kapitalismus zurück, wo eine Person ihr eigener Chef war, die Menschen werden wieder Selbstverantwortung lernen, ihre Talente fördern und ihre Stärken im Leben einsetzen müssen. Der Lehnstuhl des Sozialsystems wird fragil. Der Fabrikarbeiter von damals ist heute Grafiker, Verkäufer in einer Boutique etc. – digital vernetzt und weitgehend für sich selbst verantwortlich. Die Strukturen, Hierarchien und Vorgaben lösen sich auf, wir müssen lernen uns selbst zu finden und im Leben zu verankern.